Interview mit einer Bewohnerin des Wohnhilfeprojekts

Eine Bewohnerin des Wohnhilfeprojekts gibt im Gespräch mit Tobias Gersbach Einblick in ihr Leben als ehemals Wohnungslose.

 

Gersbach: Durch wen bist du in das Wohnhilfeprojekt der Diakonie gekommen?

Bewohnerin: Durch die Leitung des Übergangswohnheims Frau Hüther nach ca. drei Wochen Aufenthalt in der Schule in der Spicherer Straße, das als Übergangswohheim diente. Ich wurde als geeigneter Kandidat ausgewählt. Es war eine schnelle Aktion. Ich musste mich schnell entscheiden. Von Vorstellung bis Einzug waren es drei Tage. Mein Hauptargument für den Umzug war: „Dort ist mehr Ruhe.“

 

Gersbach: Wie lebt es sich in einer WG?

Bewohnerin: Sehr gut, da ich ein kontaktfreudiger Mensch bin. Es kommt natürlich auch auf die Mitbewohner an. Reibungspunkte kann es immer wieder geben z.B. bei der Reinigung der gemeinsam genutzten Räume. Als Überbrückung kann ich dies nur empfehlen, aber für ein Leben lang nicht, da hier keine vollständige Privatsphäre möglich ist.

 

Gersbach: Was hat sich seit deinem Einzug geändert?

Bewohnerin: Durch die Ruhe und die Rückzugsmöglichkeiten in der WG konnte ich die Weiterqualifizierung über das Jobcenter weitermachen und erfolgreich beenden. Mittlerweile habe ich nun eine Arbeitsstelle als Betreuungsassistent als Teilzeitkraft bei St. Afra.

 

Gersbach: Wo siehst du dich in den nächsten drei Jahren?

Bewohnerin: In einer Wohnung auf dem Land mit meinem erwachsenen Sohn. Wir sind dann quasi auch eine WG, aber diese hat bis jetzt immer funktioniert. Vor der Wohnungslosigkeit haben wir auch schon zusammengelebt, die Wohnungslosigkeit hat uns getrennt.

Mögliche Orte auf dem Land müssen gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein zum Beispiel Langweid oder Westheim bzw. Neusäß. Einfache Arbeitsstrecke von Tür zu Tür sollte maximal eine Stunde sein.

Wenn die Rahmenbedingung, eine geeignete Wohnung auf dem Land zu finden, geschaffen worden ist, kann ich mir vorstellen, die Arbeitszeit von derzeit 20 Stunden pro Woche auf 25 bis 30 Stunden zu erhöhen, denn ich hoffe, dass sich eine gute Wohnsituation auf meine körperliche Gesundheit auswirkt.

 

Gersbach: Wie viel darf in deinen Augen angemessener Wohnraum kosten?

Bewohnerin: Das ist eine gute Frage. In der Stadt oder auf dem Land?

Auf dem Land sollte eine Zwei- bis Dreizimmerwohnung mit 80m² 700 Euro warm nicht übersteigen. In der Stadt in einer guten Lage sollte eine 60m² große Zweizimmerwohnung maximal 700 Euro warm kosten.

Realisierbar ist dies nur mit einer zweiten Person, die auch arbeiten geht.

 

Gersbach: Bei welchen Problemen kannst du dich an die sozialpädagogische Betreuung wenden? Wo hast du sie schon mal genutzt?

Bewohnerin: Dauernd (lachend) – bei den ganzen Jobcenterangelegenheiten. Ich war sehr erschöpft, da mich die Situation mit meinen Söhnen sehr belastete. In dieser Zeit war die Unterstützung für mich sehr wichtig, da ich dies alleine kaum bewältigen hätte können. Einfach zu wissen, da ist jemand da. Sich nicht alleine oder im Stich gelassen zu fühlen. Die familiären Probleme zu besprechen, Gedanken loswerden, Ratschläge anhören. Mithilfe von Herrn Gersbach schaffte ich es, wieder Kontakt zu meinem älteren Sohn, mit dem ich neun Monate kein Wort mehr gesprochen hatte, herzustellen. Ich bin froh diesen Schritt mit ihm gegangen zu sein. Der Kontakt lebt wieder auf.

 

Gersbach: Welche Vorteile bringt das Wohnhilfeprojekt der Diakonie Augsburg für Menschen in besonderen Lebenslagen?

Bewohnerin: Dass man hier einen Ansprechpartner hat, der einem Wege aufzeigt, welche Rechte man im Jobcenter oder bei anderen Angelegenheiten hat und wahrnehmen kann. Zum Beispiel dass ein Anspruch auf ein Überbrückungsdarlehen beim Jobcenter besteht, wenn Arbeit gefunden worden ist und weiterhin ALG-2-Leistungen als Aufstockung beantragt werden können, wie es in meinem Fall war.

Man hat hier einen ordentlichen festen Wohnsitz, egal ob man nun mit drei oder fünf Leuten wohnt. Für zukünftige Lebensplanungen ist ein Wohnsitz unabdingbar, weil vieles daran festliegt, ob man einen Wohnsitz hat oder nicht. Zum Beispiel gibt man bei Bewerbungen die Adresse an und möchte hier eigentlich keine soziale Einrichtung als Adresse angeben, wie zum Beispiel das Übergangswohnheim, das im Volksmund Obdachlosenheim genannt wird.

 

Gersbach: Was würdest du im Wohnhilfeprojekt verbessern?

Bewohnerin: Persönlich fällt mir jetzt keine Verbesserung zum Wohnhilfeprojekt ein, außer was die Bewohner des Hauses betrifft. Hier sind wir schon eine sehr bunte Mischung. Ich möchte hier auch keinen verurteilen, aber es wäre nicht jedermanns Sache – auf Dauer.

 

Gersbach: Danke für das Gespräch und dass wir deine Eindrücke veröffentlichen dürfen.