Honorarkürzungen: Auswirkung auf ambulante Angebote

Katharina Lucas am Eingang zum Sozialpsychiatrischen Dienst
Pressemitteilung von

Augsburg/Kaufbeuren (pm). Seit 1. April gilt die Honorarkürzung für niedergelassene Psychotherapeut:innen. Welche Auswirkungen das für Patient:innen und ambulante sozialpsychiatrische Angebote hat.
Wer in Augsburg einen Termin bei niedergelassenen Psychotherapeut:innen braucht, wartet darauf bis zu einem Jahr – wenn er oder sie Glück hat: Die meisten ihrer Klient:innen berichten, dass viele Therapeut:innen nicht einmal mehr Wartelisten führen, sagt Katharina Lucas. Die 35-Jährige leitet den Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi) Augsburg, eine niederschwellige Anlaufstelle, in der Menschen mit psychischen Problemen Beratung, Unterstützung und Informationen bekommen. Neben dem Standort im Inneren Pfaffengäßchen betreibt der SpDi weitere Außenstellen und -sprechstunden im Stadtgebiet sowie im Landkreis Augsburg.

In Kaufbeuren und im Ostallgäu warten Patient:innen mindestens sechs bis neun Monate auf einen ambulanten Therapieplatz, schätzt Mara Wahl, Leiterin des SpDi Kaufbeuren – wenn sie überhaupt einen bekommen. Von zehn Klient:innen mit dem Anfangsanliegen „Ich will in Therapie“, kämen nur etwa zwei tatsächlich bei einem/r niedergelassenen Psychotherapeuten/-in unter. Neue Therapeut:innen mit einer frischen Kassenzulassung seien häufig binnen kürzester Zeit ausgebucht. Und die anderen acht? Geben auf, „weil ihnen alles zu anstrengend ist“ oder bleiben beim SpDi und profitieren von der Beratung dort. Dazu kommen „Drehtürpatient:innen“ – Menschen, die im Bezirkskrankenhaus (BKH) ein- und ausgehen, keine Anschlussversorgung haben und bei denen die Berater:innen des SpDi innerhalb einer Woche merken: „Draußen geht es nicht.“

Gerade jetzt im Frühjahr verzeichnet der SpDi Kaufbeuren steigende Anmeldezahlen von durchschnittlich zehn Klient:innen pro Woche. „Wir versorgen Menschen, die sonst nichts bekommen“ – so formuliert es Wahl, die künftig mit noch mehr Neuanmeldungen rechnet. Die Zahl der Klient:innen sei bereits in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, von 399 im Jahr 2018 auf 480 im vergangenen Jahr: „Die Bandbreite hat sich verändert: Menschen kommen nicht mehr mit einem Problem, sondern mit vielen.“ Auch beim SpDi Augsburg sind die Zahlen förmlich explodiert: Allein im ersten Quartal 2026 gab es 250 Neuaufnahmen. Kamen noch vor etwa zehn Jahren viele chronisch Erkrankte zum SpDi, um die Zeit zwischen einem Klinikaufenthalt und der Aufnahme einer ambulanten Therapie zu überbrücken, sei die Hauptklientel mittlerweile Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, die zuvor noch keine Behandlung erhalten haben. Wenn sie keinen ambulanten Therapieplatz finden, verstärke sich die Symptomatik häufig so sehr, dass sie eine stationäre Therapie benötigen, die deutlich teurer sei, so Lucas. Die Psychologin (M.Sc.) ist selbst ausgebildete Psychotherapeutin und bedauert die mangelnde Wertschätzung für ihren Berufsstand: Honorarkürzungen führten nicht nur dazu, dass bevorzugt Privatpatient:innen angenommen würden, sondern immer weniger junge Menschen sich überhaupt für diesen Beruf entschieden – und das bei stetig zunehmenden Fallzahlen. Diese dürften 2027 nicht nur wegen der Honorarkürzungen weiter steigen: Die Krankenkassen wollen die Förderung von  Selbsthilfegruppen im SpDi zu Themen wie Depressionen, Ängsten oder Zwängen zum Jahresende reduzieren. Viele Teilnehmer:innen würden dann wieder in die Einzelberatung kommen wollen, vermutet Lucas. 

Zugenommen haben sowohl in Augsburg als auch in Kaufbeuren die Einsätze für den Krisendienst Schwaben, die sich auf die sonstige Arbeit des SpDi auswirken: Je öfter die Berater:innen zu spontanen Einsätzen ausrücken müssen, desto weniger fest vereinbarte Gesprächstermine können sie wahrnehmen. Der SpDi Augsburg verzeichnete im ersten Quartal 2026 bereits halb so viele Einsätze wie im gesamten Jahr 2025.
Kostenträger der SpDi wie weiterer sozialpsychiatrischer Angebote ist der Bezirk Schwaben, der aufgrund knapper Haushaltsmittel unter Druck steht. Michael Krause, als Fachvorstand der Diakonie Augsburg unter anderem für die Sozialpsychiatrie zuständig, beobachtet seit Jahren eine zunehmende Verschlechterung der Versorgungslage über alle schwäbischen Regionen hinweg: „Das ist eine beunruhigende Entwicklung.“ Eine breitere Finanzierung sozialpsychiatrischer Angebote durch weitere Kostenträger, beispielsweise die Krankenkassen, wäre laut Krause ein wichtiger Schritt, um Prävention zu stärken und langfristig höhere Folgekosten im System zu vermeiden.

Neben dem SpDi Augsburg mit vier Außenstellen betreibt die Diakonie Sozialpsychiatrische Dienste in Kaufbeuren und Füssen mit Außensprechstunden in Marktoberdorf. Die Beratung ist freiwillig, kostenlos und anonym. Die Berater:innen unterliegen der Schweigepflicht.

Infos unter https://diakonie-augsburg.de/de/sozialpsychiatrische-dienste